Sehen wir uns heute beim Sport?

Dieser Satz hat nicht nur für die Teilnehmenden, sondern auch für mich als Trainerin im letzten Jahr eine völlig andere Bedeutung bekommen. Aufgrund der Pandemie entschied ich mich im April 2020 dazu, die Firmensportkurse online stattfinden zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht einschätzen, ob das neue Format bei den „Pilatisten“ gut angenommen werden würde. Es galt, eine völlig neue Organisation auf die Beine zu stellen. Dienstags und donnerstags tauschen wir nun Pilates-Raum gegen Zoom-Meeting.

Pilates goes online

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Online-Stunde gegeben und kannte mich mit Zoom nur sehr wenig aus. Zunächst musste das richtige Equipment her: Kamera, Stativ etc. Dann gab es ein paar Probetrainings innerhalb der Familie. Nach kurzer Zeit bat mich meine Familie allerdings, endlich mit dem Online-Training loszulegen, da die Probetrainings doch zu akutem Muskelkater führten. Eigentlich bin ich ein kamerascheuer Mensch, daher kostete es mich einige Überwindung die Stunde vor laufender Kamera zu unterrichten.

Zum Glück reagierten die „Pilatisten“ sehr positiv auf meine Idee mit dem Online-Firmensport. Nach ein paar kurzen Erklärungen waren jede Menge Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei.

Lächeln und winken 🙂

Die Scheu einen Online-Kurs zu geben, ist, dank der tollen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, schnell überwunden. Alle haben ihre Kamera an und es ist immer ein schönes Gefühl, wenn sich zu Beginn der Stunde die “Pilatisten“ gegenseitig begrüßen und wir über unseren Alltag sprechen. Es ist schön zu sehen, dass sich jeder zu Hause einen Platz geschaffen hat, um in Ruhe trainieren zu können. Natürlich sorgt es auch mal für Unterhaltung, wenn der Familienhund ins Bild läuft oder das Enkelkind eine Begrüßungsrede hält. Viele freuen sich, wieder andere Teilnehmende zu sehen, da dies durch das Home-Office aktuell nicht möglich ist. Selbst einige, die momentan in Elternzeit sind, nehmen teil. Ein Gefühl von Gemeinschaft entsteht. Macht es nicht die Kollegin oder den Kollegen gleich viel sympathischer, wenn er/sie ein wenig zerzaust in der Jogginghose im letzten Moment vor der Kamera erscheint und winkt? Oder, dass so mancher „Pilatist“ sogar die Matte am Office-Tag mit ins Büro nimmt, um von dort aus teilnehmen zu können. Wir alle lernen unsere Kollegeninnen und Kollegen von einer anderen neuen Seite kennen.


Bild: Hündin Ruby ist beim Pilates immer mit dabei. Sie liebt ihren Platz auf der Yoga-Matte von Teilnehmer Jordan Rahlwes!

Nach der Online-Begrüßung schalten sich die Teilnehmenden stumm. Die Kamera bleibt allerdings eingeschaltet, damit ich korrigieren kann. Meine Befürchtung, dass die Qualität des Trainings unter dem Online-Format leiden könnte, stellte sich als völlig unbegründet heraus. Viele Teilnehmende berichten, dass sie sich besser konzentrieren können und das Training sogar intensiver empfinden. Es macht mich jedenfalls immer wieder stolz zu sehen, wie engagiert die „Pilatisten“ sind. Zum Ende des Trainings heben wir die Stummschaltung auf und ab und an wird eine Frage zu einer Übung oder Feedback geteilt. Danach verabschieden sich alle und es bleibt ein Gefühl, den Arbeitstag positiv beendet zu haben.

Alles was man zum Trainieren braucht

Der altbewährte Spruch „Not macht erfinderisch“ trifft auch bei der Wahl der Trainingsgeräte zu. Bisher wurde das Equipment immer von mir im Pilates-Raum zur Verfügung gestellt. Ein großer Teil der Teilnehmenden begrüßt es sehr, dass es zur Pilates-Routine auch die Möglichkeit gibt mit kleinen Trainingsgeräten zu arbeiten. Viele haben zu Hause bereits eine Menge Equipment wie z. B. Gewichte, Gummibänder usw. Diejenigen, die es nicht haben, nutzen nun z. B. Dosen, Flaschen oder Bücher als Gewichte. Besonders freut es mich, dass mehr als die Hälfte der „Pilatisten“ nicht auf die beliebte Stunde mit der Pilates-Rolle verzichten möchten und diese angeschafft haben. Somit bleibt die Vielfalt auch in den Online-Stunden erhalten.

Wir turnen durch die Krise

Was mich motiviert, jede Woche alles zu geben? Mal abgesehen von der psychohygienischen Wirkung der sportlichen Betätigung, finde ich es faszinierend, dass wir durch unser Training unser Immunsystem aufbauen. Wir werden widerstandsfähiger und können ggf. das Virus oder zumindest die möglichen, damit einhergehenden, anhaltenden Spätfolgen besser abwehren – sehr motivierend. Wussten Sie, dass Joseph Pilates während seiner Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg mit seinen Mitgefangenen trainierte? Auf Matratzen unterrichtete Pilates die Inhaftierten nach seiner eigens entwickelten Methode. Es heißt, dass diese Mitgefangenen die große Spanische Grippe von 1918 aufgrund ihrer guten körperlichen Konstitution überlebten!

Teamgeist, der lebendig ist….

Immer wieder bekomme ich das Feedback, dass das Training in der aktuellen – doch etwas tristen Zeit – das Highlight der Woche ist. Viele Kolleginnen und Kollegen planen sich die Zeit bewusst in die Alltagsroutine ein. Dazu gehört auch, dass die Gruppe merkt, wenn ein Teilnehmender nicht dabei ist. Wir sind eben ein Team. Dann fragt man am übernächsten Tag doch mal wieder per Teams oder zufällig auf dem Gang: „Sehe ich dich heute beim Sport?“, oder beklagt sich über Muskelkater an bisher unbekannten Stellen. Dies alles hat unser Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt – noch dazu bereichsübergreifend.


Das Training ist aber nicht nur anstrengend und stärkend, sondern sorgt auch dafür, den Alltag für eine Stunde loszulassen. Dies zeigt sich besonders in der „Abschlussentspannung“. Da kann es schon mal passieren, dass ein Teilnehmender vor Entspannung eindöst.

Jeder Trainer ist immer nur so gut wie sein Team – dies trifft auch auf Pilates zu. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Woche für Woche und Monat für Monat, bei der Ausführung der Übungen weiterentwickeln. Wahrzunehmen, wie jeder einzelne aufrechter sitzt und steht, tiefer in eine Dehnung gehen oder eine Kraftübung wesentlich länger halten kann, ist für mich der größte Lohn.

In diesem Sinne, hoffe ich, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Online-Trainings ebenfalls etwas positives aus der Situation ziehen und ich schließe mit meinem Lieblingszitat von Joseph Pilates:

“It is the mind that shapes the body”.

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